Eltern – Situation im Coming-Out

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Eltern brauchen Zeit und Geduld
Eltern müssen es zunächst verarbeiten, wenn sich das Kind bei Ihnen geoutet hat, sie erleben die Offenbarung meist unvorbereitet und spontan. Es gibt kaum Eltern, die sich auf das Outing des Kindes vorbereiten können. Genau wie bei einem Jugendlichen gibt es bei Eltern verschiedene Phasen, die unterschiedlich schnell verlaufen. Eltern, die viel von ihrem Kind erwarten und einen Lebensweg für das Kind geplant haben, wird es schwerfallen mit der Homosexualität des Kindes umzugehen. Eltern die allerdings weniger Erwartungen an das Kind stellen, wird es leichter fallen mit der Homosexualität umgehen zu können.
Wenn es Eltern gelungen ist Vertrauen zum Kind aufzubauen, dann wissen diese genau, dass sie mit jeder Frage und Problemen zu ihnen kommen können. Auch die Frage nach der sexuellen Orientierung kann dabei eine Rolle spielen.

Fast jedes Kind lernt die Begriffe „schwul“ oder „lesbisch“ als Schimpfwort kennen, dabei wissen die meisten gar nicht was diese Begriffe bedeuten. Eltern sollten ihren Kindern erklären, dass diese beiden Wörter keine Schimpfwörter sind, sondern eine Lebensweise bzw. eine Lebenswirklichkeit. Kindern sollte eine positive Einstellung gegenüber Homosexualität vermittelt werden, die Einstellung der Eltern wird sich auf die Kinder abfärben.

Die Suche nach der sexuellen Identität ist eine Phase der Unsicherheit, in der man die intimste Stelle des Menschen trifft. Erwachsene sollte das Thema in der Erziehung von sich aus aufgreifen und ansprechen. Ein spontanes Nachfragen, über die sexuelle Orientierung des Kindes kann „die Tür zuschlagen“ und ein zuvor Vertrauen volles Verhältnis zerstören.
Es gibt selten eindeutige Signale, ob sich Kinder mit der Frage homosexuell zu sein beschäftigen. Kinder merken an der Mimik der Eltern schnell, ob sie mit dem Thema auf Verständnis oder Ablehnung stoßen.
Ein Desinteresse gegenüber dem anderen Geschlecht muss aber nicht zwingen heißen, dass das Kind homosexuell ist. Homosexuelle Handlungen und Erfahrungen gehören zur Pubertät dazu und sind völlig normal und sollten deshalb nicht unterbunden werden. Wenn Eltern das Gefühl haben, dass das eigene Kind homosexuell ist, kann es helfen das Eltern zunächst mit Freunden über die Situation sprechen, bevor sie das Kind mit dem Thema konfrontieren.

Schmerzhafte Reaktionen sind manchmal unvermeidbar
Hat sich das Kind bei den Eltern geoutet oder stellt es sich heraus, dass das Kind homosexuell ist, dann hängt die Reaktion der Eltern von den im ersten Absatz beschriebenen Phasen ab. Die Bandbreite der Reaktion kann von umfassendem Akzeptieren bis zum strikten Ablehnen reichen. Wie Eltern regieren, hängt nicht selten davon ab, wie viel diese über Homosexualität wissen. Es lohnt sich zu wissen, was in Eltern selbst und was zwischen Eltern und Kindern vor sich geht, wenn die Situation real und akut geworden ist.

Im ersten Schock reagieren Eltern manchmal ablehnend und verletzend. Die Enttäuschung richtet sich gegen das eigene Kind, auch wenn es gar nicht so gemeint ist. Eine solche Reaktion lässt sich kaum vermeiden, da Eltern auch ein Recht haben ihre Gefühle in dieser doch sehr schwierigen Situation zu zeigen. Es kann vorkommen, dass der Kontakt zum Kind gestört ist oder sogar ganz abgebrochen wird. Viele Jugendliche sind aber auf eine solche Situation relativ gut vorbereitet, weil sie ihre Eltern genau kennen. Sollte es zu einer solchen Situation gekommen sein, dann hilft eine gemeinsame „Beruhigungsphase“, um die Lage wieder ins Lot zu bringen. Wichtig ist, dass man wieder einen Schritt aufeinander zu macht und miteinander spricht, auch wenn es schwerfällt.
Jugendliche werden meist den ersten Schritt aufeinander zu wagen, weil sie stabiler sind als ihre Eltern. Es wirkt sich immer positiv aus, wenn Eltern darauf eingehen auch dann, wenn die Enttäuschung noch groß ist. Vorurteile, Abwertung und Ängste vernebeln die Sicht auf das eigene Kind – Konkret hinschauen und das Kind wieder wahrnehmen ist das Stichwort für Eltern. Es wichtig daran zu denken, dass es dasselbe Kind ist was liebt und geliebt werden möchte. Gerade in dieser schweren Zeit braucht das Kind Verständnis und Nähe.

Sich für das Kind entscheiden
Eltern müssen sich entscheiden, ob ihnen das eigene Kind wichtiger ist oder die gesellschaftliche Erwartung, dass Männer keine Männer und Frauen keine Frauen lieben sollen. Meistens ist es so, dass sich Eltern für ihre Gefühle entscheiden, sprich für das Kind. Eltern müssen die Vorstellungen; die sie an das eigene Kind haben loslassen, sodass das Kind den eigenen Weg ohne Hindernisse einschlagen kann.

Eltern müssen auch etwas für sich tun
Für Eltern ist die Enttäuschung groß, wenn das Kind nun den eigenen Weg geht und nicht den vorgestellten Weg der Eltern. Zweifel kommen auf, dass in der Erziehung etwas falsch gelaufen ist. Eltern machen sich über Fragen, wie z.B. „Was denken die anderen wohl über Eltern eines schwulen oder lesbischen Kindes“ Gedanken und das nagt stark am Selbstwertgefühl. Das Coming-out der Eltern ist oft mit Angst auf Ablehnung zu stoßen verbunden. Gerade am Anfang ist es wichtig, sich nicht zu viel zuzumuten und die Schritte ins Neuland nicht zu groß zu machen. In dieser Zeit ist es wichtig mit dem Kind zu reden und Fragen zu stellen über all das, was unklar ist. In einem solchen Gespräch sollte man dem Kind aber keine Vorwürfe machen. Sie sollten richtig zuhören und versuchen sich in die Lage des Kindes zu versetzten, um die Lebenswelt besser kennen zu lernen.

Mit anderen Reden
Für manche Eltern ist es hilfreich sein, wenn sie Kontakt herstellen zu andren Homosexuellen und deren Eltern. Das geht gut über eine Beratungsstelle oder über das Internet. Auch wir von Schwul-Hilfe e.V. helfen ihnen gerne weiter. Entweder Sie Kontaktieren uns über eine E-Mail oder Fragen uns direkt über den Live-Support.
Genau, wie das Kind beim Outing Hilfe gebraucht hat, brauchen Sie diese eventuell auch. Viele Eltern fangen jetzt erst an sich über Homosexualität zu informieren. Sie lesen Bücher und Broschüren und durchkämmen das Internet nach Informationen. Manchmal kann es aber von Vorteil sein, wenn man mit Beratern über die konkrete Situation spricht. Diese Berater müssen aber nicht zwingend vom „Fach“ sein. Auch Freunde oder Verwandte, Lebenspartner oder Schwiegereltern können die richtigen Gesprächspartner sein.
Väter sind meist mehr mit der Situation überforderter ein homosexuelles Kind zu haben als Mütter. Väter sehen in der Homosexualität des Kindes die Geschlechtsidentität gekränkt. Ihnen fällt es meist sehr schwer, über das Thema zu reden. Desto mehr Väter sich trauen über ihre Konflikte zu reden, umso leichter wird es für sie den Kontakt zum eigenen Kind zu halten auch dann, wenn es sich ganz anders entwickelt.

Professionelle Hilfe
Wenn die Situation aussichtslos erscheint, bekommen Eltern Hilfe in professionellen Einrichtungen wie z.B. einer Lebensberatungsstelle, Sexualberatungsstelle oder in einer Familienberatungsstelle, wo sie dann mit einem Fachberater über die Situation sprechen können. In größeren Städten existieren Elterngruppen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Es tut gut zu wissen, dass sich andere auch mit dem Thema beschäftigen müssen.